Die Enklave: Ost-Mostar
Wade Goddard
Ich besuchte Mostar zum ersten Mal Ende April 1992; der Bosnienkrieg war ein paar Wochen zuvor ausgebrochen. Die jugoslawische Volksarmee (JNA) umzingelte Mostar und bombardierte die Stadt von den Hügeln über der Stadt aus. Zusammen mit drei weiteren Fotografen gelang es mir mit einer Gruppe von Soldaten des Kroatischen Verteidigungsrats (HVO) nach Mostar bei Dunkelheit hineinzuschleichen. Die JNA hatte das Ostufer des Neretvas in Beschlag genommen und die Alte Brücke wurde Teil der Frontlinie. Es gelang meinen Kollegen und mir, uns bis auf zehn Metern der Brücke zu nähern, aber der Handwaffenbeschuss war zu heftig, um dort länger auszuharren. Dies war nicht nur mein erster Blick auf die Stari Most, sondern auch meine erste Kriegserfahrung. Ich war 22 Jahre alt, ohne jegliche journalistische Erfahrung und ich hatte keinerlei Ahnung, was ich eigentlich machte. Später kehrte ich mit einem kroatischen Fotografen nach Mostar zurück, dies war Mitte Juni kurz, nachdem der HVO und die Territorialverteidigung, die später die 4. Truppe der Armee der Republik Bosnien und Herzegowina bildete, in einer gemeinsamen Aktion die JNA besiegten und aus Mostar drängten. Während dieses Besuches überquerte ich die historische Brücke zum ersten Mal. Granatsplitter und Maschinengewehrschüsse sowie Handwaffenfeuer hatten die Fassade der Brücke schwer beschädigt, einige Gebäude waren komplett ausgebrannt. Soldaten, die von ihrer Patrouille zurückkehrten, liefen durch die Straßen. Wir fanden eine Leiche, die in einem Abwasserkanal steckte. Manche Bewohner kehrten zu ihrem Zuhause zurück.
In den darauffolgenden Monaten durchreiste ich Mostar oft auf meinem Weg nach Zentralbosnien. Leben in der Stadt hatte wieder etwas an Normalität zurückgewonnen. Nachdem die Kroatische Volksarmee verdrängt wurde, wurde Mostar dem südlichen Kroatien geöffnet und wurde zur einzigen durchgängigen Route nach Zentralbosnien für Nicht-serbische Truppen und Zivilisten. Die bosnischen Muslime (Bosniaken) und bosnischen Kroaten Mostars wurden von den beiden bewaffneten Einheiten, der 4. Truppe der Armee der Republik Bosnien und Herzegowina und dem Kroatischen Verteidigungsrat, welcher von Kroatien unterstützt wurde, verteidigt. Die beiden Armeen kämpften gemeinsam gegen die bosnischen Serben und beide ethnische Gruppen lebten eigentlich in Harmonie miteinander. Während dieser Periode erfuhr ich von der kroatischen Volksgruppe Herzeg-Bosna, die Ende 1991 gegründet worden war. Es war ihr Anliegen, eine reine, unabhängige kroatische Einheit in Herzegowina zu bilden, mit Mostar als Hauptstadt und sich mit Kroatien zu vereinigen. Um diesen Traum eines Großkroatiens zu verwirklichen, mussten die bosnischen Kroaten die bosniakische Bevölkerung und andere Nicht-Kroaten vertreiben, da diese ihrem Traum nie zustimmen würden.
Die Spannungen auf beiden Seiten stiegen stetig an. In Mostar eskalierten sie im Mai 1993. Am 9. Mai wurde Mostar von der HVO mit Artillerie, Minenwerfern und Handwaffen in den frühen Morgenstunden angegriffen. Die HVO nahm alle Straßen, die in die Stadt nach Mostar führten, in Beschlag und internationalen Organisationen wurde der Zugang verweigert. Mit einem kroatischen Freund, der das Reden übernahm, gelang es mir an einigen Checkpoints vorbeizukommen. Die Soldaten an den Checkpoints wussten nicht, dass ich Ausländer war. Als wir in die Stadt gelangten, schlossen wir uns einer Miliz an, die für die HVO kämpfte. In den vier Stunden, die wir mit ihnen verbrachten, waren sie gerade mal in der Lage, eine Straße zu überqueren. Die Kämpfe waren heftig, ich hatte noch nie zuvor oder danach so etwas erlebt. Kroatische Einheiten nahmen den westlichen Teil der Stadt bis zum “Boulevard”, die Hauptstraße die parallel zum Neretva verläuft, in Beschlag, sie nahmen bosniakische Männer, die alt genug waren zu kämpfen, fest und vertrieben ihre Familien in den Osten der Stadt.
Erst im September 1993 war ich in der Lage nach Ost-Mostar, einer Enklave eingekeilt zwischen den Kroaten im Westen der Stadt und den Serben, die im Osten die Berge besetzten, zu gelangen; die Straßen nördlich und südlich der Enklave wurden von den Truppen der bosnischen Kroaten abgeschnitten. Der einzige Weg in die Enklave zu gelangen, war mit einer UN Hilfsgüter Eskorte, aber auch die Lieferungen der UN wurden während der Sommermonate stark eingeschränkt. Ein UN Hilfsgüter Konvoi erreichte Mitte Juni die Enklave. Der Zweite schaffte es erst Ende August. Nachdem sie ihre Hilfsgüter abgeladen hatten, und versuchten den östlichen Teil Mostars zu verlassen, wurde der von den Spaniern angeführte Konvoi von bosniakischen Demonstranten aufgehalten. Die Demonstranten forderten andauernden Schutz durch die UN-Truppen vor den Bombenangriffen der bosnischen Kroaten. Dies führte zu einem Einsatz der spanischen UN Truppen im östlichen Teil Mostars, welcher alle 24 Stunden abgelöst wurde. Auf diesem Weg gelangen Journalisten ab September 1993 nach Mostar.
Die Einkesselung und Bombenangriffe auf Ost-Mostar waren schon in den vierten Monat fortgeschritten, als ich von einem spanischen gepanzerten Fahrzeug im Zentrum der Enklave herunterkletterte. Als ich Ost-Mostar zum ersten Mal sah, konnte ich mir vorstellen, wie das Warschauer Getto ausgesehen haben muss; die Zerstörung, die Hungersnot, die Armut und das Elend waren meine ersten Eindrücke. Nachdem ich dort mehr Zeit verbrachte, spürte ich den Widerstand, die Entschlossenheit und den Stolz der Bevölkerung.
Laut Schätzungen lag die Bevölkerung der Enklave zwischen 40.000 und 55.000. Bosnische Muslime wurden ständig aus ihrem Zuhause am Westufer getrieben und über die Frontlinie gedrängt.
Ein Bosniake, der für den örtlichen Radiosender “Anel Zvonić“ arbeitete, lud mich ein, bei sich, seiner Mutter und seinem Onkel zu übernachten. Aufgrund ihrer großzügigen Gastfreundschaft war ich in der Lage Woche für Woche in Ost-Mostar zu verbringen. Tagsüber lief ich durch die Straßen der Enklave und fotografierte die Bewohner beim Wasserholen oder beim Feuerholzsammeln, wie sie in Kellerräumen Unterschlupf suchten, wie sie ihrem täglichen Leben nachgingen in einer Stadt, die sie tötete. Abends verbrachte ich Zeit mit Freunden, die ich dort kennengelernt hatte. Wir redeten, rauchten, hörten Musik, wenn wir mal Strom hatten, manchmal tranken wir auch Alkohol, wenn wir welchen hatten.
Neben den Bombenangriffen waren die Scharfschützen ein gewaltiges Problem. Da die Enklave so schmal war und parallel zur Frontlinie verlief, war der Großteil der östlichen Seite in Reichweite der Scharfschützen. Viele der regulären Zielscheiben waren ausgeschildert, aber es galt das einfache Gesetz, wenn du Gebäude auf der Westseite sehen kannst, dann konnte dich auch ein Scharfschütze sehen. Anfang November 1993 fotografierte ich wie spanische UN Soldaten, zwei Scharfschützenopfer in Deckung brachten, eine starb an ihren Verletzungen, die andere konnte unverletzt fliehen, da die Kugel im Rücken ihrer kugelsicheren Weste stecken blieb. Kurz danach habe ich die Enklave verlassen. Vier Tage später hörte ich in den Nachrichten, dass die Alte Brücke zerstört worden war. Ich wusste, was dies für die Bevölkerung Mostars bedeutete. Es war, als ob man jemanden verliere, der einem nahe gestanden war; die Brücke war etwas ganz Besonderes für jeden Bewohner in Mostar. Es tat mir sehr leid, dass ich nicht habe dort sein können.
Ich kehrte immer wieder nach Mostar zurück. Ein Waffenstillstandsabkommen wurde am 23. Februar 1994 unterzeichnet, damit endeten die 9-monatigen bitteren Kämpfe. Kriegsgefangene beider Seiten wurden ab dem 20. Mai freigelassen. Im Sommer verbesserte sich die Situation langsam. Die Einrichtungen wurden langsam wieder hergestellt, und Nahrungsmittel gelangen in die Enklave.
Obwohl die Kämpfe aufgehört haben, bleiben die Narben des Krieges bestehen, sowohl die körperlichen als auch die emotionalen. Mostar ist weiterhin eine Mehrvölkerstadt, sie bleibt aber gespalten und es wird noch viele Generationen brauchen, bis sich das ändert.